Renée Pötzscher Lebenslauf
Renée Pötzscher
1945 Geboren in Wiener-Neustadt (Wien)
1972 Studium Visuelle Kommunikation an der Hochschule für bildende Künste Hamburg
1976 Studium Kunst, Technik und Philosophie an der Hochschule Lüneburg
1979/81 Erstes und zweites Staatsexamen, Lehramt
1989 Dreimonatiger Studienaufenthalt in Indien
1992 Photographie der gesamten d IX für das Dokumenta-Archiv Kassel
1993 Mitbegründerin des Künstlerhauses Hamburg-Bergedorf; Mitarbeit bei der Ausstellungskonzeption, Öffentlichkeitsarbeit und Organisation
1995 Dreimonatiger Studienaufenthalt in Indien
1990-1997 Projektbezogene Aufenthalte auf Amrum
Stipendien1Projektförderung:
1985 Filmförderung durch das Filmbüro Hamburg
1989 Filmförderung vom Kuratorium Junger Deutscher Film
1991 Stipendium des Schleswig-Holsteinischen Künstlerhauses in Selk
1998/99 Stipendium der Kulturstiftung der Sparkasse Stormarn
Ausstellungen, Aufflührungen und Veröffentlichungen:
1972/74 Beiträge in Henry und Boavista
1985 SW-Photographien
1979-1985, Fotoforum Bremen (E) Schwertlilien, 16-mm-Kurzfilm, Internationales Kurzfilmfestival Oberhäusen, Experimentalfilmfestival Osnabrück,
Kurzfilmfestival Hamburg, Frauenfilmfestival Hamburg, weitere Vorfüh rungen in Basel, Zürich, Frankfurt und Hannover
1989 Photogramme und Photographien in SW
1972-1989, Berenberg/Gossler & Partner, Hamburg
1990 Mondgedichte, Mondgeschichte, Galerie Renate Kammer, Hamburg (G)
1991 Hamburger Photographinnen im Kunsthaus Hamburg (G, Katalog)
1993 4x on say Art, Kampnagel K3, Hamburg (G)
1994 Galerie Renate Kammer, Hamburg (G) Galerie Künstlerhaus Hamburg-Bergedorf (G)
1995 Photographie-Installationen und Aquarelle
1986-1995, Galerie Künstlerhaus Hamburg-Bergedorf (E) Energie Li I, Auferstehungskirche, Hamburg-Lohbrügge (E) Petersburger Hängung,
Galerie Renate Kammer (G)
1996 Zum Licht, Galerie Künstlerhaus Hamburg-Bergedorf (G)
1997 Zeige deinen Engel, Stadtgalerie ehemaliges Kloster in Altötting (G) Licht-Körper - Körper-Licht, Galerie Renate Kammer, Hamburg (E)
1997/1998 LUMINA, Stormarnhaus, Bad Oldesloe (E)
1998 LUMINO, Carmen Oberst Kunstraum, Hamburg (E) 1999 LUMINA-LUNA, Trittauer Wassermühle und Galerie Künstlerhaus Hamburg-
Bergedorf (E)
Filme:
1985 Schwertlilien, 16-mm-Kurzfilm; Regie, Kamera, Schnitt
1981 Klatsch, Theaterinszenierung von Hannes Hatje, Video (Teil der Inszenierung)
1989/92 Window, 16-mm-Kurzfilm; Regie, Kamera, Schnitt, Choreographie
Kataloge:
1972-1979 Renée Pötzscher
1999 Lumina Luna
Einzusehen im documenta Archiv und in der Staatsbibliothek der Universität Dresden
Lichtwerke der Moderne
In Renée Pötzschers Werk spielt ein außergewöhnliches Experiment eine zentrale Rolle. In sogenannten
Mondbelichtungen, bei denen sie im Schein des Mondes ihre Photopapiere auslegt und belichten läßt, schuf sie eine
neue photographische Ausdrucksform. Die Künstlerin hat sich der Magie ihres photographischen Materials
verschrieben. Als ihre Rolle sieht sie es dabei an, über diesen Prozeß zu wachen, ihn zu initiieren und die Regie zu
führen.
Es sind im wahrsten Sinne des Wortes»Lunagramme«.
Der prozessuale Anteil ist Renée Pötzscher sehr wichtig. Es sind Erträge
eines dauernden Wahrnehmungs- und Schaffensprozesses von genau geplanten Aktionen, ent
standen aus einer tiefen Verbundenheit mit der Natur, und abhängig von den Mondphasen
und den Wetterbedingungen (Die Aktion ist bei wolkenverhangenen Himmeln nicht möglich).
Bei Nacht in der freien Natur, beispielsweise im Bergedorfer Gehölz, in der Hahnheide oder
bei den Grabauer Hügelgräbern setzte Renée Pötzscher positives Photomaterial über eine
lange Zeit dem direkten Mondlicht aus. Die Papierbahnen, die ähnlich wie große Antennen
anlagen auf dem Erdboden ausgebreitet und auf Empfang von Strahlen gerichtet sind, sind
neu auf für sich zeitlich begrenzte skulpturale Arbeiten.
Aufgrund der langen Belichtung ergeben sich weiche Übergänge, während der Aktion in
der Trittauer Mühle bewegt sich Renée Pötzscher durch und über das positive Material, sie
tanzt, mit ihrem Leib setzt sie sich ebenso wie das Photomaterial den Mondlichtstrahlen aus,
sie empfängt es ebenso. Obwohl sie körperhaft anwesend ist, wird dies nur transitorisch in
den Lunagrammen faßbar. Die körperliche Stofflichkeit entfernt sich, die Konturen ver
schwinden, ihr Körper scheint durchsichtig und in eine andere Materie überzugehen. Für
Renée Pötzscher ein symbolischer Akt des Sterheprozesses und des Neuanfangs, ein Symbol
für eine transzendente Ebene.
Sie sagt selbst: »Während ich tanze, materialisiert sich auf dem weißen Papier etwas, was
vorerst verborgen bleibt. In diesem materiellen Vorgang ist gleichzeitig Inmaterialität enthalten. Erst wenn ich in der
Dunkelkammer auf das weiße Blatt Photopapier den Entwickler
auftrage, materialisiert es sich. Dieser sichtbare Prozeß erfordert eine andere geistige Präsenz als der unsichtbare.
Die Imagination des Verborgenen will sich im Entwicklungsvorgang
über die Temperatur, die Konzentration der Chemie und der Zeit verwirklichen und benötigt
möglicherweise eine schnelle Entscheidung - eine angehaltene Bewegung, die im folgenden
Bad gestoppt und lichtfest gemacht wird. Diese emotionale Zeugung, vom Licht ins Schwarz
hineinzuwirken, ist eine Konfrontation mit der Nacht, dem Tod, dem Unbewußten, dem Tief
gründigem, der Unterwelt auch der Geburt (die meisten Geburten ereignen sich in der Nacht,die der Tod auch), dem
intuitiven weiblichen Aspekt und damit auch der des Mondes zugeordne
Ft, ich ten mythologischen Bedeutung beziehungsweise Kraft. Diese Mondforschungen auf Erden haben ihren
Ursprung in meinen Photogrammen und Luminogrammen der 80er Jahre. Die planetarisch erscheinenden Werke
stehen im Zusammenhang mit meinem ersten Science-Fiction-Erlebnis, dem Film »2001: Odyssee im Welt
raum« von Stanley Kubrick 1968 (nachzulesen im Katalog »Renée Pötzscher 1972 bis 1997«,
Prof. Dr. Carl Vogel und J. E. Sennewald und anderen Veröffentlichungen.) Dieses narrative
Werk führte zu nächtlichen Traumepen über mehrere Jahre. Sie handelten von Planetarausspaltungen und
Zusammenfügungen: erst ca. zehn Jahre später konnte ich diese seelischen
Bewegungen ausdrücken. Insofern entspricht die Hinwendung, direkter dem Planeten Mond
zu begegnen, einer logischen Entwicklung. Hier sei anzumerken, daß das Feminine der Luna
mir sehr viel mehr entspricht als das Maskuline des Mondes - damit finde ich ein Äquivalent
zu meinen Werken und zur Begrifflichkeit meines Werkzyklus Lunagramme beziehungsweise Lunagraphien.«
Renée Pötzschers Affinität zur romantischen Nachtaktivität fand zum erstenmal im April 1997, in der Aktion »Himmel
auf Erden« im Bergedorfer Wald ihren künstlerischen Ausdruck. Hier legte sie Ausrisse von Photopapieren auf den
Erdboden und verwob sie mit den Zweigen, die dort lagen. Geleitet von dem Kalkül eines Zusammenspiels mit der
Natur ließ sie Kombinationen von mondgenerierten Luminogrammen und Photogrammen der Zweige entstehen.
In einem zweiten Arbeitsschritt photographierte sie die Ausrisse und brachte sie in ein Querformat, dessen
panoramatische Weite wiederum Landschaft assoziiert – Landschaftskunst aus dem Photolabor.
Bei den Lunagraphien 1-VII »Feldstärken« geht es um Körper im Mondlicht, um Erotik, Nacht, Energiewellen,
Bewußtsein und Unterbewußtsein. Gleichzeitig geht es auch um Zeitabläufe und Bewegungen. Renée Pötzscher
summiert Zeitabläufe und komprimiert sie zu einem Moment und schafft so eine Essenz aus Zeit und Raum. Die
Bewegtmgsunschärfen lösen die Körper auf und lassen sie in eine andere Stofflichkeit übergehen. Sie strahlen,
ähnlich wie Tageslicht, Wärme und Energie aus. Demgegenüber bleibt der Stoff, beispielsweise eines Kissens oder
einer Decke, aufgrund der statischen Unbeweglichkeit in magischer Deutlichkeit erhalten. Es entsteht das Paradoxum:
Die Unschärfe verweist und enthüllt Wesentliches, während die Bildschärfe lediglich Stoff wiedergibt.
Der Umgang mit dem Licht erlaubt Renée Pötzscher Offenbarungen. Ihre Zeichnungen und ihre Arbeit mit
schwerelosen, transparenten, diaphanen, imaginären Formen entstammen aus ihrem innersten Sein.(Physikalisch
berührt die Arbeit mit dem Licht die Frage nach dem Zeitraumkontinuum, die Piage nach Licht und Energie, die
Relativität der dritten Dimension zur vierten.
Für Renée Pötzscher ist Licht das Material ihrer künstlerischen Wahrnehmung. Ähnlich wie in der Physik das Licht als
Welle und Teilchen rätselhaft bleibt und die Lichtgeschwindigkeit in ihrer Relativität auf Ursprünge und
Erklärungsmuster unseres Kosmos hinweist, hat für sie das Licht als Lebensquelle und Lebensenergie sowohl eine
materielle als spirlituelltranszendentale Bedeutung. Sie bildet einen eigenen Bilderkosmos aus: Immaterielles wird
materiell, Unfaßbares faßbar.