Einführungsrede von Prof. Heinz Lohmann im Museum für Bergedorf und die Vierlande, Hamburg anläßlich der Multimedia-Ausstellung "Realität und Virtuelle Welt" von Claudia Liekam

Vor über 100 Jahren, genau im Jahre 1896, fand im Kunstverein in Hamburg eine schockierende, Anstoß erregende Ausstellung von Malern des ein Jahr später, 1897, gegründeten “Hamburgischen Künstlerclubs” statt. Teilnehmende Künstler waren unter anderem Thomas Herbst, Ernst Eitner, Arthur Illies, Friedrich Schaper, Arthur Siebelist und Julius Wohlers. Zu sehen war Freiluftmalerei. Die Motive waren Hamburger Landschaften. Die damals neue und außergewöhnliche Abkehr von der akademischen Malweise und eine gleichzeitige Orientierung auf eine Malerei vor der Natur irritierte die Öffentlichkeit zutiefst. Heute sind diese Werke in der Freien und Hansestadt Hamburg außerordentlich beliebt und sowohl in den Museen der Stadt, als auch in vielen privaten Sammlungen vertreten. Bereits 10 Jahre später, also 1907, löste sich der Hamburgische Künstlerclub bereits wieder auf, da er von neueren Entwicklungen in der Kunst überholt wurde und die jüngeren Mitglieder in innovativere Künstlervereinigungen strebten.

Die Ausstellung 1896 löste also einen Skandal aus. Ein derartiges Ereignis war nicht neu, da schon seit 1874, anlässlich der ersten Impressionisten-Ausstellungen in Paris, Proteste gegen diese Art der Malerei üblich geworden waren. Im Anschluss an die Hamburger Ausstellung fand die wohl dramatischste Sitzung in der Geschichte des Kunstvereins statt. Eine in der Form nie wieder da gewesene Empörung machte sich Luft.

Was war geschehen? Die impressionistische Malweise war etwas völlig Neues. Zum ersten Mal in der Geschichte der bildenden Kunst war die Malerei befreit von der Dokumentationsaufgabe, die inzwischen mehr und mehr die Fotographie übernahm. Diese unbekannten Gemälde mit ihrer bis dahin nie gesehenen Farbigkeit, den ungewöhnlichen Perspektiven, der veränderten Formensprache und den neuen Inhalten irritierten und machten den Menschen Angst, gerade in einer Zeit in der alles im Wandel begriffen war.

Das 19. Jahrhundert, in dem der Impressionismus entstand, war geprägt durch eine gewaltige Zeitenwende. Die technische Revolution der Industrialisierung veränderte die Lebensbedingungen der Menschen dramatisch. Die Bevölkerung hatte sich beispielsweise in Hamburg im 19. Jahrhundert fast verzehnfacht. Die Menschen wanderten damals in die industriellen Kerne und verließen ihre familiären Bindungen in den dörflichen Lebensgemeinschaften. Sie verloren damit einen wichtigen Teil ihrer Identität. In solchen Situationen suchen Menschen nach einfachen Lösungen – damals wie heute.

Auch am Beginn des 21. Jahrhunderts nun kündigt sich eine neue Zeitenwende an. Die Industriegesellschaft geht zu Ende. Wir stehen am Anfang der Netzwerkgesellschaft, die letztendlich auch den Nationalstaat als Antwort auf die Herausforderung der Industriegesellschaft ablösen wird. Das Hauptcharakteristikum des aktuellen Umbruchs ist eine Datenexplosion ungeahnten Ausmaßes. So sind in den letzten drei Jahren, von 2000 bis 2002, nach einer Studie der renommierten Berkeley – Universität in Kalifornien mehr Informationen erzeugt worden, als in den 300 000 Jahren zuvor. Gerade in dieser Datenfülle liegt einer der bedeutendsten Gründe für den rasanten Anstieg der Komplexität gesellschaftlicher Abläufe. Menschen verlieren erneut ihre Identität. Sie sind wiederum auf der Suche nach Vertrautem. Das spezifische solch fundamentaler Zeitenwenden ist es aber, das alte Rezepte nicht weiterhelfen. Deshalb ist Innovation von Nöten.

Claudia Liekam ist so eine, die sucht und vertraut und sich dabei “etwas traut”. In ihrem Atelier gibt es keine Staffelei, keine Farben, keine Pinsel und keinen Terpentingeruch. Ihre Werkzeuge sind Computer und Drucker, Videokamera und Scanner. Aber Claudia Liekam rückt nicht die Technik in den Mittelpunkt ihrer Kunst, sondern sie nutzt diese für die Produktion ganz neuer Bilder.

Natürlich konnte Kunst im 19. Jahrhundert und kann sie, auch heute am Beginn des 21. Jahrhunderts, keine neuen Gesellschaftslösungen entwickeln oder auch nur vermitteln. Gegenwartskunst kann aber Anstöße geben und so im doppelten Sinn zum notwendigen Diskurs beitragen. Ja, sie kann sogar Veränderungen auslösen. Im Europa des 20. Jahrhunderts ist das den Fluxus-Künstlern am extremsten gelungen. So hat Nam June Paik bereits 1962 Fernseher, also das damals brandneue elektronische Medium, zum Gegenstand seiner Kunst gemacht. Anders als bei Claudia Liekam erzeugen dessen Videoskulpturen ihre Wirkung noch vornehmlich durch die Verwendung der Technik selbst, durch die Aufstellung von Bildschirmen und die Antizipation von Pop-Elementen in elektronische Visualisierung und Akustik.

Claudia Liekam geht nun heute weit darüber hinaus. Sie nutzt als Ausgangsmaterial Videos oder Scanns, vornehmlich von Landschaften oder Blumen, aber auch von im Wind blätternden Buchseiten und immer wieder von menschlichen Körpern. Sie arbeitet mit modernster Computersoftware, um unterschiedliche Ebenen der Wahrnehmung zu integrieren. Sie synthetisiert scheinbar Gegensätzliches, ja sogar auseinander Strebendes. Sie ist eine Künstlerin der Konvergenz und reduziert damit Komplexität. Ihre “Endprodukte”, die Videos und Scanns, entfalten eine außerordentlich ungewöhnliche, poetische und eindrucksvolle Wirkung.

Claudia Liekam ist für die Kunstszene deshalb und weil ihre Kunst unmittelbar, ja sogar emotional entsteht, ein komplizierter Fall. So hat sie keine destruktiv theoretische, sondern eine spürbar konstruktiv praktische, direkte, ja erotische Beziehung zu ihren Themen. Ihre "Kerzen" und "Schmetterlinge", die hier in der Kabinettausstellung nicht vertreten sind, haben ihr sogar, immer mal wieder, offen oder verdeckt, den Vorwurf der Pornographie eingebracht. Diese Einordnung ist jedoch absurd, weil sie die tatsächliche Struktur ihrer Kunst total verkennt.

Claudia Liekams Arbeiten stehen in unmittelbarer Linie der Aktionskunst von Yves Klein. Dieser hat 1959 nackte weibliche Modelle veranlasst, sich mit frischer Farbe versehen, über große Leinwände und Papier zu drehen. Yves Klein setzte so den menschlichen Körper gewissermaßen als Werkzeug ein. In Claudia Liekams Arbeiten wird die Methodik des Abdrucks durch die hochmoderne Computertechnologie ersetzt und damit der Manipulation durch die Künstlerin selbst zugänglich gemacht. Die Botschaft ist klar und zukunftszugewandt. Technik ist beherrschbar. Sie kann Instrument der Planung und Entwicklung sein. Der Mensch muss nicht in der Opferrolle verharren. Er kann und soll aktiver, Gestalter sein - und das mit Zuversicht. Der dänische Unternehmensberater Rolf Jensen propagiert die Ergänzung der rationalen Strategie um die emotionale, kulturelle Komponente. Es geht ihm um eine Gesellschaft der Mythen und Imagination. Er nennt diese Vision “The Dreaming Society”.

Claudia Liekam ergänzt die Technik der Informationsgesellschaft um den Menschen und macht damit ihre Werke zu einem Ausdruck der Wissensgesellschaft. Der Mensch transformiert die Information in Wissen. Mir gefällt dabei der Begriff des hybriden Individualismus als Entwicklungschance besonders gut. Wird doch die heutige postindustrielle Kultur von zwei extremen Polen geformt. Der individuelle Fundamentalismus als Verfechter der Marktwirtschaft auf der einen Seite und der marktfeindliche, religiöse und nationalistische Fundamentalismus auf der anderen Seite. Der Konflikt ist vorprogrammiert. “Kopf und Bauch” stehen in Konfrontation gegeneinander. Dabei ist die Rettung so nah.

Im Kino der Ausstellung hier im Schloss in Bergedorf zeigt Claudia Liekam die Arbeit “Anima Mundi”, die “Weltenseele”, ein Video aus dem Jahre 2001. Dabei werden drei Filme in einer Endlosschleife überlagert. Das sind zum einen eine dänische Landschaft mit einer Autobahnbaustelle, zum anderen der Körper einer Frau und als drittes Buchseiten, die im Wind blättern. Dabei handelt es sich um den Roman “Im Labyrinth des Minotaurus” von Anäis Nin. Das Werk der Künstlerin vereint diese Elemente auf überzeugende Weise zu einer integralen Gesamtlösung.

Strukturell ganz ähnlich geht sie bei den beiden Objekten, die in der Ausstellung zu sehen sind, vor. “Satyr” 1999 entstanden, verbindet das Ausgangsvideo eines tanzenden Mannes mit einem Film von Lindenblättern. Auch in "Harum-Scarum” sind zwei Videos verwendet, das eines männlichen Körpers und ein anderes wiederum von Blättern. Zusätzlich sind Ausschnitte aus einem Holzschnitt der berühmten Windhexen von Hans Baldung Grien (1484 –1545) unterlegt. “Harum–Scarum” bedeutet schließlich auf deutsch “Luftikus”.

Darüber hinaus sind in der Ausstellung noch etwa 20 weitere Werke, alles Unikate aus den Jahren 2000 bis 2002 zu sehen. Es sind auf Papier übertragene Scanns und Videostills. Diese sogenannten Diavographien oder “Teufelsgraphiken”, wurden mit einer hochmodernen Drucktechnologie hergestellt, die konservatorisch eine besondere Qualität garantiert. Eine Serie dieser Arbeiten zeigt insbesondere Frauenkörper und integriert gleichzeitig in die Darstellung deren jeweilige Lieblingsblüten.

Die Ideen und Visionen, die Claudia Liekam`s Arbeiten künstlerisch vorweg nehmen, sind auch gesellschaftlich nicht ausgeschlossen: die Chance einer Integration zwischen dem Individualismus der Marktwirtschaft und dem Bürgersinn, den religiösen und ethnischen Bindungen in einer menschlich gestalteten Netzwerkgesellschaft.

1896 haben sich in Hamburg einige Persönlichkeiten im Zusammenhang mit dem schon erwähnten Skandal im Kunstverein anlässlich der Ausstellung der Freiluftmaler für die neue Kunst eingesetzt. Dies waren insbesondere Alfred Lichtwark, Direktor der Kunsthalle, Justus Brinkmann, Direktor des Museums für Kunst und Gewerbe, sowie der einflussreiche und innovative Sammler Gustav Schiefler. Deshalb geht heute mein besonderer Dank an Herrn Dr. Olaf Matthes für seinen Mut, das Bergedorfer Schloss anlässlich dieser Kabinettausstellung Claudia Liekam und ihren Arbeiten zu öffnen. Uns allen wünsche ich eine spannende Begegnung.

Prof. Heinz Lohmann, Krankenhausmanager und Kunstsammler

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